Wissenschaftlich erwiesen

Nachdem ich jüngst mühsam recherchieren musste, um die aktuelle Situation der Flüchtlinge im Sudan zu erfahren, habe ich gerade anscheinend wichtigeres in den Hauptnachrichten gehört: 
Heute ist Johann Grander gestorben.

Ich wurde mehrmals von seiner Firma verklagt, und auch wenn ich die Prozesse gewann und heute Granderwasser offiziell als „esoterischen Unfug bezeichnen kann, so hat es mich wohl doch viel Zeit und Nerven gekostet.

Man möchte meinen, ich würde mich freuen, dass jetzt vielleicht weniger Leute versuchen werden, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu widerlegen.

Doch nichts dergleichen.

Ich habe es aufgegeben, gegen Volksverblödung zu kämpfen.

„Weißt du“, pflege ich Gleichgesinnten zu sagen , „Es hat ja doch keinen Sinn. Mit rationalen Begründungen fängt ja eh niemand was an.“

Und damit habe ich wohl recht.

Neulich sprach ich meine Nachbarin auf ihre wunderschönen Blumen an.

„Danke“, sagte diese, „Ich verdanke alles dem Granderwasser“.

Mit einem Lächeln überhöre ich’s. Soll sie doch glücklich sein, wer weiß, was sie sonst für einen Blödsinn mit dem Geld macht.

„Ja, der Apparat ist ganz toll, seit wir’s trinken, sind wir nicht mehr krank geworden.“

Einatmen-ausatmen.

„Und das Swimmingpool müssen wir auch nicht mehr reinigen.“

Lächeln bitte.

„Und den Hund nicht mehr entwurmen.“

Jetzt reicht’s.  Ich habe eine Hundeparasitenphobie, sofern das existiert.

So ein verseuchtes Viech soll neben mir wohnen?

„Wissen sie“, sage ich „das ist wirklich eine tolle Erfindung, das Granderwasser.

Meine Schwägerin und meine Schwiegermutter hatten auch eine und kurzfristig ging es ihnen besser.

Aber leider, und es tut mir so leid, dass ich das ihnen sagen muss, aber man sagt, es soll…“(ich seufze theatralisch) „man sagt, es soll AIDS erregen“.

So leicht ist die Nachbarin nicht aus der Fassung zu bringen.

„Ach ja?“, fragt sie.

Misstrauisch ist sie, die blöde Kuh.

„Jaja, ich habe auch sofort aufgehört, es zu trinken. Das heißt, nicht sofort, beim Begräbnis meiner Schwiegermutter habe ich meine Frau noch mit dem Wasser vom Kummer geheilt.“

„Wann haben sie aufgehört?“

„Beim Begräbnis meiner Schwägerin.“

Jetzt ist sie bleich geworden. Ich frage mich, ob mein Verhalten ethisch korrekt ist. Aber ist es schlimmer, jemandem zu erzählen, dass etwas Aids verursacht als ihm zu sagen, dass es Aids heilt?

Sie reißt sich zusammen: „Woran ist sie gestorben?“

„Man weiß es nicht“, antworte ich, „Es ist keine Autopsie durchgeführt worden, aber ich glaube, dass irgendjemand verhindern wollte, dass rauskommt, woran sie gestorben ist“.

(Das stimmt sogar. Meine Schwägerin starb unter nicht sehr prestigeträchtigen Umständen, und es stimmt sogar, dass es mit dem Konsum von Flüssigem zu tun hatte: Sie soff sich zu Tode. Allerdings nicht mit Granderwasser.)

Erschrocken beugt sich die Nachbarin über den Zaun.

Es scheint zu wirken.

Vielleicht kann der Hund meiner Tochter bald mit einem wurmfreien Viech spielen. Aja, nicht vergessen: Eigenen Hund + Familie entwurmen.

„Etwa an…Aids?“, flüstert die Nachbarin und reißt mich damit aus meinen angenehmen Überlegungen.

Ich mache eine verschwörerische, unbestimmbare Kopfbewegung.

Die arme Frau sammelt ihre letzen Kräfte und macht einen letzten, kläglichen Versuch zur Rettung ihrer knapp tausend für einen Apparat ausgegeben Euro.

„Gibt es irgendwelche Studien, die das belegen?“, fragt sie wacker.

Als ob ich damit nicht könnte.

„Nein.“ antworte ich, „Aber die Wissenschaft kann ja nicht alles beweisen.“

Das hat gesessen.

Zitternd, die Tränen kaum zurückhaltend, läuft sie ins Haus.

Vielleicht sollte ich demnächst erwiesenermaßen wirkungsvolle Anti-Aids-Äpfel in der Nachbarschaft verkaufen.

Schließlich habe auch ich trotz Grander-Konsum bis heute kein Aids. Wissenschaftlich erwiesen.

Gastbeitrag.

Ich danke der 15-jährigen Schülerin S. J. für diesen entzückenden kishonesken Text und für die Ehre, dass sie in der „ich“-Form über mich schreibt :-)
Es handelt sich um einen satirischen, künstlerischen Text (vgl. BGBl Nr. 262 aus 1982, Artikel 17a); alle Personen (Nachbarin, Schwägerin, Hund etc.) und auch meine Aussagen sind frei von der Autorin erfunden.

Erich Eder

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  1. …die netten Mädels an der Rezeption eines Hotels in dem wir geurlaubt hatten, sind auch bleich geworden, als ich mit meiner kleinen Tochter auf dem Arm aufgekreuzt bin und erklärt hab, der rot-fleckige Ausschlag im Gesicht wäre eine Granderwasser-Allergie (sobald sie mit Granderwasser in Berührung kommt, hat sie wirklich diesen Ausschlag).

    Ich finde, die Granderwasser-Allergie sollte nicht unterschätzt und dringend wissenschaftlich untersucht werden!

  2. Großartig. Darf ich die Idee bzw den Text – mündlich – in meinem Umfeld verwenden, wann auch immer ich einem Grander-Anhänger begegnen sollte?
    LG
    Werner

  3. Sehr guter Text! Satire ist nicht immer so treffend und so unterhaltsam formuliert, wie diese hier. Die Autorin ist 15 Jahre alt, wie ich hier lese? Hierzu kann ich nur sagen: Weiter so! Auf solchem Schreibtalent lässt sich bestimmt eine berufliche Karriere stützen. Aber auch, wenn es ausbildungsmäßig vielleicht in eine andere Richtung gehen soll, bitte ich darum, die Lust zu Schreiben niemals ad acta zu legen.

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